In Gossau in der Schweiz, dort wo die Landschaft sanft hügelig dahinfließt, wo das satte Grün der Wiesen das Auge erfreut, wo die Kühe das fette Gras in Milch verwandeln, dort ist der Sitz der Lehmann Gruppe, zu der die Blumer-Lehmann AG gehört. Weltweit bekannt wurde die Firma mit den frei geformten Holzkonstruktionen, auch Free Forms genannt. Wir haben uns mit Katharina Lehmann, der Vorsitzenden des Verwaltungsrates, zum Gespräch getroffen.

Das Besondere am Familienunternehmen, das erst vor zwei Jahren seine ersten 140 Jahre feiern durfte? Nein, nicht nur die Leidenschaft zum Werkstoff Holz, das wäre dann doch zu trivial. Obschon diese in den Genen der Eigentümer und der Belegschaft verankert ist. Es ist vielmehr ein spezielles Geschäftsfeld, das die internationale Aufmerksamkeit nach Gossau lenkt: Die Free Form-Bauten des Unternehmens sorgen mehr und mehr für Beachtung. Zahlreiche internationale Referenzen haben den Ruf der Ostschweizer begründet, Spezialist für außergewöhnliche Baulösungen zu sein. Ob es ein Clubhaus für einen Golfclub in Südkorea ist oder das neue Swatch-Gebäude in Biel, der Blick des Betrachters bleibt immer wieder auf den so entstandenen Formen haften mit der Frage: Wie geht denn das? Auch uns hat diese Überlegung beschäftigt.

Frau Lehmann, Free Forms bestechen durch ihre außergewöhnliche Optik und das scheinbar nicht Machbare, das Ihr Unternehmen trotzdem Realität werden lässt. Was ist der technische Ansatz der Free Forms?
Wenn wir über digitale Fertigung wie bei den Free Forms sprechen, gibt es zwei Ansätze: Der erste: Man nimmt ein einfaches Bauteil und fügt dieses automatisch. Der zweite: Man verpackt möglichst viele Informationen in ein Modell, fertigt komplizierte Bauteile und montiert diese rasch. Und genau das ist unserer: Wir erarbeiten ein parametrisches 3D-Modell mit allen relevanten Informationen, das anschließend allen am Bau beteiligten Partnern als Planungsgrundlage dient. Oft sind solche Konstruktionen an Naturprinzipien angelehnt und bleiben sichtbarer Ausdruck der Architektur des Gebäudes.

Wie dürfen wir uns den Ablauf von Planung und Umsetzung vorstellen?
Der Architekt kommt zu uns und formuliert seine Vorstellungen. Die nun folgende Zusammenarbeit aller am Bau Beteiligten erfolgt interaktiv und iterativ. Bereits in der Planungsphase werden sämtliche Herausforderungen und Schnittstellen erörtert, beschrieben und gelöst. Die Planung erfolgt gleichzeitig, präzis und detailliert am Anfang eines Projektes. Als Resultat dieser Arbeit entsteht ein parametrisches Modell mit allen Informationen.

Das klingt an sich logisch, aber sehr theoretisch. Können Sie uns diese Vorgangsweise anhand eines Beispiels erläutern?
Bei einem Projekt in Südkorea, dem Golfclub in Yeoju, entstand ein Gebäude, dessen Decke die Baumkronen eines Waldes symbolisiert. Die Kronenelemente sind aus fünf Schichten konstruiert. Um die Bauteile herzustellen, wurde ein NC-Code automatisiert generiert, anschließend wurden die Bauteile und alle Verbindungen gefräst. In Korea waren das ca. 3.500 Träger, die in Container verpackt und verschifft wurden. Das umgesetzte Bauwerk besteht aus 36 Kronen, gleiche Bauteile finden sich aber nur in der Mitte. Vor Ort wurden dann die Einzelteile zu Baumkronen zusammengefügt, und so entstand die fertige Konstruktion. Ausgangspunkt war – wie bei allen Free Forms – das parametrische Modell.

Diese Vorgehensweise ist sehr innovativ. Wie bekannt ist diese Methode und wie verläuft die Auftragserteilung an Ihr Unternehmen?
Am Anfang eines Projektes stehen in den meisten Fällen Architekten. Sie entwickeln Bauideen und entwerfen Skizzen, mit denen sie dann an uns herantreten. Wir prüfen anschließend die Machbarkeit, bereits in dieser Phase erfolgt die Arbeit am Projekt nicht mehr sequenziell, d.h. der Reihe nach, sondern gleichzeitig.

Im Idealfall scheint diese Methode sehr effizient, worin aber liegen ihre Schwierigkeiten?
Wenn wir von konventionellem Bauen sprechen, meinen wir das sequenzielle Planen und Bauen: Jeder plant seinen Teil, es kommt zu einer starken Diversifizierung und im Anschluss werden die Disziplinen zusammengefügt. Das ist oft sehr ineffizient, da es zahlreiche Änderungsschleifen gibt.

Wenn aber die Planung gleichzeitig, frühzeitig und präzise mit der netzwerkartigen Form der Zusammenarbeit passiert, haben wir viel an Effizienz gewonnen. Bei dieser Form des Bauens gibt es keine Hierarchie mehr. Wichtiger sind der Beitrag des Einzelnen zur Problemlösung, die effiziente Integration der verschiedenen Spezialdisziplinen sowie das Führen des Netzwerks.

Die Führungsrolle könnte der Architekt einnehmen. Offene Fragen bleiben die Kompetenz und auch das Thema der Verantwortung. So kommt es also zu einem Paradigmenwechsel am Bau, die Rollen und Schnittstellen verändern sich. Architekten, Ingenieure, Bauherrn und Holzbauer müssen auf Augenhöhe miteinander kommunizieren.

Wie finden Architekten und Bauherren zu Ihnen?
In der Architekturwelt werden digitale Werkzeuge immer wichtiger. Führende Architekturbüros bauen zunehmend diese Kompetenz auf. Wir merken, dass bei vielen von ihnen ein starkes Interesse für diese Art des Bauens vorhanden ist. Wir müssen in der Folge die Sprache des Auftraggebers, des Produzenten und aller anderen Beteiligten verstehen und übersetzen, denn die Verbindungen zwischen Planung und Produktion sind heute anders als früher: Wir führen Dialoge. Deshalb bearbeiten wir einerseits Architekten aktiv, sie kontaktieren uns aber auch aufgrund ihrer Fragestellungen.

Holz ist Ihr Metier. Wie sieht es mit der Langlebigkeit der Konstruktionen bei den Freiformen aus?
Holz ist grundsätzlich sehr dauerhaft, die ältesten Holzhäuser sind über 1.000 Jahre alt, die ältesten Betonbrücken dagegen erst etwa 70 Jahre. D.h. dieser Baustoff muss erst beweisen, dass er langlebiger als der Naturbaustoff Holz ist. Grundsätzlich erhalten bei unseren Konstruktionen die Dächer eine voll funktionsfähige Dachhaut und auch eine entsprechende Fassade.

Die Free Forms sind ein wachsendes Geschäftsfeld in Ihrer Unternehmensgruppe. Wann und wie ist die Idee dafür entstanden?
Die Idee, diese Schiene zu beschreiten, kam aus einer Anfrage 2009 aus Südkorea. Wir sollten ein unkonventionelles Gebäude für den Golfclub Yeoju errichten. Die Aufgabe interessierte uns, und als wir die Pläne sahen, erkannten wir, dass das mit konventionellem Holzbau nicht möglich ist. Daraus sind dann die Free Forms entstanden. Die Fragen, die sich dabei stellten, waren: Wie können wir die Prozesse organisieren, um das Gebäude in der gewünschten Form zu errichten? Wie können wir die komplexe Geometrie konstruieren, produzieren und montieren?

Wir kauften also die notwendigen Maschinen und eigneten uns das Programmierungskönnen an. Der Beginn war natürlich mühsam, doch daraus resultierten neue Anfragen und Projekte. 2015 investierten wir erneut in unseren Maschinenpark und so wuchsen unsere Kompetenz, unsere Methoden und unser Know-how. Natürlich passieren immer noch Umwege, doch dadurch bleiben unsere Forschung und Entwicklung ein spannender Weg.

Mit den Free Forms gelingen ganz erstaunliche Formen und Rundungen. Wie sind diese mit Holz machbar?
Wir erreichen unsere Free Forms und Verwindung durch die Geometrie der Rohlinge und das Zerspanen und Fräsen. Bei der Optimierung des Prozesses stellt sich immer die Frage, ob wir das Bauteil aus einem geraden, einsinnigen oder zweisinnigen Rohling herstellen sollen. Bei der Herstellung aus einem geraden Stück ist der Materialverlust oft sehr hoch und statische Eigenschaften gehen verloren. Deshalb gilt es in jedem Fall abzuwägen, welche Beschaffungsstrategie sinnvoller ist. Krümmungen erreichen wir auch durch verschiedene Stärken der Brettschichtholz-Lamellen: Je gekrümmter das Bauteil, desto dünner müssen die eingesetzten Lamellen sein.

Auch die gewählte Holzart spielt eine Rolle. Für 90 % der Bauwerke verwenden wir Fichte und Tanne. Spezifische Anforderungen hängen vom Bauherrn bzw. den architektonischen oder technischen Anforderungen ab und sind auch eine Frage des Preises.

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Times Eureka Kew Gardens Pavillon, London, Großbritannien

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Heasley nine Bridges Golfclub, Yeoju Südkorea

Welche Rolle spielt dieses Geschäftsfeld in der Gruppe?
Die Free Forms sind dem Holzbau zugeordnet, was auch Teil unserer Philosophie ist. Unser Ursprung liegt in der Faszination von Holz. »Holz ist heimelig«, das ist das eine. Das andere: Die Verbindung der Natürlichkeit des Materials Holz mit Hightech interessiert uns enorm. Und das Dritte: Bekanntermaßen haben wir in der Schweiz ein Exportproblem. Deshalb müssen wir Lösungen finden, um Nischen zu besetzen, im Aus- wie im Inland. Das Firmengebäude für Swatch in Biel ist wiederum ein Meilenstein in unserer Entwicklung. Es setzt Maßstäbe, was in Holz möglich ist.

Weltweit werden die Freiformen sehr stark beachtet, besonders auch wegen unserer Methoden und Prozesse. Diese sind sehr interessant für die Bauwirtschaft, denn auch das Thema BIM (Building Information Modelling) erfordert neue Herangehensweisen.

Die Freiformen zeigen auf, wie es gehen könnte, obwohl wir noch lange nicht am Ende sind. Denn die Bauwirtschaft steht vor der dringenden Herausforderung, die Produktivität zu steigern. Das gilt für alle Aktivitäten im Bauwesen. Die Frage ist das Wie. Der Schlüssel sind koordinierte Planungsprozesse und die Zusammenarbeit mit den Produzenten, damit keine Fehler und Doppelspurigkeiten passieren und die Komponenten am Ende zusammenpassen. Wir können nicht von Industrialisierung und Digitalisierung reden, wenn wir wie vor 50 Jahren bauen und nichts vorfertigen.

Ein weiterer Schlüssel ist die Form der Zusammenarbeit. Die gegenseitige Wertschätzung und das Vertrauen sind unerlässliche Faktoren einer netzwerkartigen Zusammenarbeit. Dazu gehört, dass der Architekt dem Handwerker zuhört, dessen Fähigkeiten wertschätzt, weil er dessen Know-how für die Umsetzung braucht und umgekehrt. Bei unseren Projekten hat das stets funktioniert, und das hat mit den Architekten zu tun, die auf dieser Ebene kommunizierten. Dadurch entstand ein vertieftes Verständnis über den Prozess.

Es geht also am Ende nicht nur um Technologie und Prozesse, sondern auch um Menschen. Und das ist und bleibt gut so.

Vielen Dank für das Gespräch.

Katharina Lehmann, Blumer-Lehmann
im Interview mit Klaus Feldkircher